Kurze Einführung in die Hierarchie und Schule der Schaichi

vom

Zainolabdein Ebrahimi

Übersetzt von
Dr. Seyed Hossein Riazimand

Im Namen Gottes

des Allerbarmers, des Barmherzigen

Lob und Preis sei Gott und gegrüßt seien seine auserwählten Diener!

Dies ist eine kurze Einführung in die Hierarchie und Schule der Schaichi. Sie ist zugleich ein Abriss ihrer Überzeugungen und ein Hinweis auf ihre wichtigsten Gelehrten, sowie ein Vorwort zu dieser Buchreihe, in der ihre Grundwerke erscheinen.

Als Schaichi wird eine Gruppe von schiitischen Muslimen bezeichnet, die dem großen Weisheitslehrer der Schia, dem verstorbenen Scheich Ahmad ibn Zainiddin Ahsaii folgen (möge Gott ihn erhöhen).

Der Glaube der Schaichi und all ihre religiösen und moralischen Ansichten stammen – sowohl den Grundprinzipien als auch den Einzelheiten nach – aus Gottes Buch und den Traditionen des Propheten (möge Gottes Segen mit ihm und seiner Familie sein), sowie aus den Traditionen und Botschaften der Imame[1] (Gottes Segen möge ihnen zuteilwerden).

 Kurz gesagt: Schaichismus sind Schiiten, die den unfehlbaren Imamen (den zwölf Nachfolgern und Nachkommen des Propheten) in allem zu folgen versuchen[2] .

Sie vertrauen nur den Überlieferungen der Imame, die ohne Zweifel aus Gottes Buch und aus den Traditionen des Propheten geschöpft sind. Sie halten nichts für verbindlich, was von unvollkommenen Menschen erdacht wurde oder durch Analogie und persönliche Vorlieben gewöhnlicher Menschen zustande kommt. Sie legen besonderen Wert auf die Beschreibung der Tugenden des Propheten und seiner Familie (Gottes Segen möge ihnen zuteilwerden) und halten unverrückbar an der Überzeugung fest, dass die Lehre des Islam nicht nur Regeln der äußeren religiösen Praxis und der zwischenmenschlichen Beziehungen enthält. Sie distanzieren sich außerdem von jenen oberflächlichen Gläubigen, die sich mit exoterischen Aspekten des Islam zufriedengeben.

Sie sind überdies davon überzeugt, dass die Lehren jener Sufis, die den Islam als rein esoterische Angelegenheit betrachten und die äußere Glaubenspraxis vernachlässigen, den Islam entstellt und den Menschen nicht zu seiner Vollendung in Gott führt. Diese Vollendung ist jedoch der Grund, aus dem er erschaffen wurde. Die wahre Religion besteht darin, all ihre äußeren Aspekte anzuerkennen und zu praktizieren und gleichzeitig deren innere Bedeutung in ihrer Wahrheit zu erfassen, soweit uns dies möglich ist.

Jedenfalls ist sicher, dass die Glaubensüberzeugungen der Schaichismus auf jene der 12er-Schiiten des Jafari zurückgehen. Von diesen haben sie nichts entfernt oder nichts zu ihnen hinzugefügt, da sie von den unfehlbaren Imamen stammen. Tatsächlich billigen sie keinerlei Ergänzungen oder Abstriche an Gottes Religion. Natürlich haben die Schaikhi im Lauf der Zeit manche Erklärungen einiger Aspekte der Religion aufgrund des heiligen Buches, der Tradition oder der Botschaften der Imame vorgetragen, die sich von jenen anderer Schia-Gelehrter unterscheiden. Auch in einer kurzen Einführung ist es sinnvoll, manche dieser abweichenden Erklärungen zu erwähnen, um wenigstens bis zu einem gewissen Grad die Reichweite und Grenzen dieser Schule anzudeuten.

Um dies zu tun, müssen wir zwei Arten von Differenzen unterscheiden. Die eine betrifft die Art und Weise, wie mit Hilfe der Vernunft neue Urteile aus bereits vorhandenen Urteilen nach Regeln der Rechtsfindung abgeleitet werden. Die andere betrifft unterschiedliche philosophische oder theosophische Standpunkte in bezug auf solche Fragen wie die Auferstehung, die Himmelsreise des Propheten und die Tugenden der Heiligen Imame oder der Schia-Gelehrten (Weisen).

Was die Urteilsfindung aus religiösen Quellen, d.h. aus den Prinzipien der Rechtsfindung, anbetrifft, so haben die Schaichi-Gelehrten vorgeschlagen, dass sie von einem – vielleicht dem naheliegendsten –Gesichtspunkt aus eine Synthese der Lehren der Usuli und Akhbari darstellen sollte. (Die Usuli sind der Auffassung, dass – abgesehen von reichlich bezeugten Botschaften und Traditionen – keine Sicherheit erlangt werden kann. Daher haben sie Prinzipien – usul – aufgestellt, aus welchen Vermutungen abgeleitet werden können und den so gewonnenen Entscheidungen müssen die Menschen folgen. Die Akhbari dagegen sind der Überzeugung, dass sämtliche Botschaften und Traditionen des Propheten und seiner Familie, die uns überliefert wurden, authentisch und zweifelsfrei anwendbar sind). Denn die Schaichismus sind der Ansicht, dass man grundsätzlich aufgrund vernünftiger Überlegungen zu Erkenntnissen gelangen kann und den so gewonnenen Einsichten folgen sollte. Sie stützen sich darüber hinaus auf viele Prinzipien der Usuli, auf jene nämlich, die einen religiösen Ursprung haben und auf die Botschaften der Imame zurückgehen. Sie erheben Einwände gegen Prinzipien, die nicht aus der Religion stammen und lehnen manche von ihnen sogar ab.

Was die religiösen Gebote anbetrifft, so akzeptieren sie natürlich das heilige Buch, sowie die Traditionen und Berichte, die gut bezeugt und die Beweise für unsere Religion sind. Sie unterscheiden sich jedoch von den Usuli dadurch, dass sie die Unterteilungen der Überlieferungen, welche diese in bezug auf die Glaubwürdigkeit der Überliefererkette vornehmen, nicht akzeptieren.

Was die Vernunft und den Konsens der Gelehrten anbetrifft, so vertrauen die Schaichismus nur der Vernunft des unfehlbaren Imam oder solchen Ansichten, deren Überlieferungstreue und Übereinstimmung mit den religiösen Grundwahrheiten alle anerkennen. Sie sind der Auffassung, die Intelligenz eines einzigen oder einiger weniger Gelehrter reiche nicht aus, um die göttlichen Anweisungen zu verstehen, und sie sehen die Hauptaufgabe der Religionsgelehrten darin, die Botschaften der unfehlbaren Imame zu übermitteln, anstatt herumzusitzen und nachzudenken, um was immer ihnen als vernünftig erscheint, zu Gottes Gebot zu erheben, dem die Gläubigen folgen sollen, auch wenn sie sich nicht auf eine entsprechende Aussage berufen können.

Vom Imam stammt der Grundsatz: »In bezug auf die künftigen Ereignisse haltet euch an die Übermittler unserer Botschaften«. Wenn von den »Übermittlern unserer Botschaften« gesprochen wird, bedeutet dies, dass die Gelehrten »übermitteln« sollen und zwar die Botschaften der Imame. Wir müssen uns also an sie halten, weil sie die Übermittler der Botschaften sind. Andernfalls wäre nicht auszuschließen, dass es unter den Gläubigen solche gibt, die intelligenter als die jeweiligen Gelehrten sind; und wenn der Gelehrte nicht das vermittelt, was vom unfehlbaren Imam stammt, könnte man nicht rechtfertigen, warum man seiner persönlichen Ansicht folgen sollte.

Was den Konsens anbetrifft, so sind die Schaichi-Gelehrten der Auffassung, dass – abgesehen von den allgemein akzeptierten Grundsätzen des Islam und des Schiismus – ein Bericht immer dann akzeptabel ist, wenn Übereinstimmung besteht, dass er auf den unfehlbaren Imam zurückgeht. Folgen muss man einem Bericht auch, wenn alle Gelehrten in seiner Interpretation übereinstimmen. Wenn sich der Konsens jedoch auf ein Urteil oder eine philosophische Ansicht bezieht, die nicht auf einer authentischen Aussage (des Propheten oder des Imam) beruht, sind wir nicht verpflichtet, diesen Konsens anzuerkennen. Wenn es in bezug auf eine Frage kein religiöses Urteil gibt, dann gilt die Aussage des Imam: »Alles ist möglich, solange kein Gebot oder Verbot vorliegt«. Wo ein religiöses Urteil vorliegt, erübrigt sich jede weitere vernünftige Überlegung. Warum sollten die Gelehrten den Menschen Vorschriften machen, wenn Gott über die betreffenden Dinge keine Aussagen gemacht hat? In Wahrheit müssen sie sich in solchen Fällen mit Urteilen zurückhalten, um die Freiheit, die der Imam den Menschen gewährt hat, nicht aufzuheben.

Dies sind einige Beispiele für die Übereinstimmungen und Differenzen zwischen den Schaichi, den Usuli und den Akhbari. Was nun den Hauptpunkt anbetrifft – die Authentizität der Botschaften und die Art, wie man zur Gewissheit gelangt – so scheint die Auffassung der Schaichismus nicht neu, aber ihre Interpretation ist es doch, da sie esoterisch und tiefer ist und auf der Weisheit der Schaichi beruht, die im Wesentlichen Darstellungen der Tugenden und des geistigen Ranges Mohammeds und der Angehörigen seiner Familie sowie der schiitischen Gelehrten enthalten (der Segen Gottes möge ihnen zuteilwerden).

Die Schaichi richten sich mit ihren Ansichten nach der Weisheit, die auf Scheich Ahmad Ahsaii (möge seine Status erhöht werden) und seine Schüler bzw. Interpreten zurückgeht: auf Haj Seyyed Kazim Raschti und Haaj Mohammad-Karim Khan Kermani (möge Gott sie erhöhen), sowie auf die Gelehrten, die auf sie folgten. Hinsichtlich der Urteilsbildung setzten sie die Begründung und Bestätigung durch den Heiligen Imam an die erste Stelle und wiesen auf diese Weise nach, wie man aufgrund der Traditionen Gewissheit erlangen kann und warum unsere religiösen Urteile unwiderleglich und frei von Vermutungen sind.

Unsere Gelehrten haben deutlich gemacht, dass wir ohne diese Methode keine andere Wahl hätten, als alle möglichen Unsicherheiten hinzunehmen, und uns nichts anderes übrigbliebe, als aufgrund von Vermutungen zu handeln. Man kann sogar sagen, dass in vielen Fällen ohne dieses Zeugnis (des Imam) weder vernünftige Entscheidungen noch Vermutungen möglich sind. Manchmal ist es sogar schwierig, zu einer bloßen Fantasievorstellung zu kommen. Tatsächlich gäbe es ohne dieses Zeugnis des Heiligen Imam weder Religion, noch Gewissheit. Dagegen führt der Glaube an das Zeugnis des Imam und die Beobachtung seiner Wirkungen in der Welt zu einer sicheren, standfesten religiösen Überzeugung und schützt vor Vermutungen oder Illusionen. Wir werden nun das Fundament dieser Überzeugung in aller Kürze darlegen. Danach werden wir, so Gott will, zeigen, dass diese Sichtweise der Schaichi-Gelehrten nicht darauf abzielt, Unfrieden zu stiften oder persönliche Vorlieben zu propagieren, ebensowenig wie es darum geht, Vorurteile gegen Einzelne oder Gruppen zu verbreiten, sondern vielmehr darum, die Wahrheit und die Realität zu erreichen und sie zu beschreiben.

Unsere Absicht war, kurz den Beweis durch Zeugnis und Bekräftigung zu charakterisieren. Tatsächlich haben die Schaichi-Gelehrten über dieses Thema zahlreiche Bücher geschrieben und das Prinzip durch die Verse des Gottesbuches, die Überlieferungen der zwölf Imame, die Weisheitsgründe Hekmat«), das beste Argument (»Moeze Hasaneh«) und durch »die beste Argumentation« (»mojadeleh bellati hia ahsan«) gerechtfertigt. (Das beste Argument »Moeze Hasaneh« ist ein Argument, über das es keinen Zweifel gibt. Kein vernünftiger Mensch kann es verwerfen und es bedarf keiner zusätzlichen Bestätigung. Verstanden wird es nicht durch logische Ableitung, sondern intuitiv. Die beste Argumentation »mojadeleh bellati hia ahsan« ist die Argumentation einer Person, die über ausreichendes Wissen verfügt, und sich in einer Position befindet, gute Handlungen zu gebieten und schlechte zu verbieten, sofern sie auf der unbezweifelbaren Basis des Koran und der Grundsätze der Schia und aller Muslime steht, und sich jener Weisheit bedient, die durch Traditionen unterstützt wird, um ihre Sache zu vertreten).

Haaj Mohammad Karim Khan Kermani zum Beispiel hat dieses Thema in seinen Werken »Ghavaed« (Regeln), »Elm-ol-Yaghin« (Gewisse Erkenntnis), »Tasdid« (Bestätigung) und in seinem Buch »Fetrat-os-Salimeh« (Vollkommene Einteilung) behandelt, sowie in vielen weiteren Büchern über Rechtsprechung und ihre Prinzipien. Interessenten sollten sich mit diesen Werken beschäftigen. Unsere Erläuterungen sind lediglich ein kurzer Abriss der Überlegungen, die in diesen Büchern vorgetragen werden.

Die allgemeine Bedeutung des Ausdrucks in der Rechtsprechung ist die, dass immer dann, wenn wir Gewissheit über die Botschaften oder Überlieferungen erlangen, die auf uns gekommen sind und wir diese Gewissheit aus denselben Quellen schöpfen, auf welche die Imame verwiesen haben, wir es genau mit jenen Urteilen und Angelegenheiten zu tun haben, welche die Imame als für uns angemessen betrachtet und uns übermittelt haben. Solche Botschaften und Überlieferungen – oder manchmal auch einzelne Menschen – gegen die Gott nicht gezeugt hat, und an deren Wahrhaftigkeit zu zweifeln es keinerlei Gründe gibt, wurden durch den Imam bezeugt und zur Geltung gebracht und daher auch von Gott bestätigt.

Ein Argument für diese Auffassung ist die Ansicht der Schaichi-Gelehrten, dass Gott die Menschen geschaffen hat, damit sie ihn erkennen. Er vermag alles zu vollbringen. Sein Wissen und seine Weisheit umfassen alles. Da die Menschheit am Anfang unwissend war, und nicht erkannte, was gut oder schlecht für sie war, sandte Gott seine Propheten, um sie zu leiten. Die Propheten waren klug, weise, geschickt und gehorsam gegen Gott. Sie vermochten ihre Sendung zu erfüllen und die Anweisungen Gottes zu offenbaren. Sie hießen die Menschen in Gottes Barmherzigkeit willkommen oder schreckten sie mit seinem Zorn, sie lehrten und leiteten die Völker, um sie zum Heil zu führen.

Dies gilt für alle Propheten, besonders aber für den unsrigen, den edelsten, der allen anderen überlegen und der letzte von allen war. Sein Volk ist das letzte Volk und seine Religion die letzte Religion. Aus diesem Grund muss er auch alles offenbart haben, was für die Erlösung nötig ist und muss uns ausreichende Wegzehrung bis zum Tag des Gerichts geschenkt haben, an der wir uns stets von neuem sättigen können. Es besteht kein Zweifel, dass er unter uns weilte und uns 23 Jahre die Botschaft Gottes lehrte. Dann verkündete er: »Es gibt mehr Erlaubtes (halaal) und Verbotenes (haraam), als ich euch je offenbaren könnte, daher werde ich es Ali, dem Sohn Abi Talibs und den Imamen, die ihm folgen, überlassen, euch all dies zu lehren«. Wie angekündigt, kamen die zwölf heiligen Imame, seine Nachfolger, und erklärten den Menschen die göttlichen Unterweisungen, die ihnen anvertraut worden waren. Schließlich hielt Gott es für ratsam, dass der zwölfte Imam sich in die Verborgenheit zurückzog, was dieser tat, nicht ohne die Anweisung zu hinterlassen, dass sich die Menschen künftig an die Übermittler seiner Botschaften und die Botschaften und Traditionen seiner unfehlbaren Vorgänger halten sollten. Er sagte, diese Übermittler seien seine Zeugen (hojjat) vor den Menschen und er selbst sei der Zeuge vor Gott.

Das bedeutet, dass man sich nach Menschen richten muss, denen die Eigenschaft wahrhaftiger Zeugen zukommt. Dabei handelt es sich um jene Gelehrten, deren Eigenschaften Hazrat Sadegh (Gottes Heil sei mit ihm) wie folgt beschrieben hat: »Der wahre Kenner des göttlichen Gesetzes (ulama) schirmt sein höheres Wesen vor seiner niedrigen Natur ab, widersteht seinen Begierden und Wünschen, und gehorcht seinem Herrn: einem solchen dürfen die Menschen bedenkenlos folgen«. Diese Gefolgschaft meint dasselbe, wie die Anweisung im vorangehenden Zitat, den Übermittlern unserer Traditionen zu folgen. Denn wenn man den Anweisungen dieser Übermittler folgt, ist es so, als ob man dem Imam selbst folgt. Es ist klar, dass die Imame nicht verlangt haben, dass man den privaten Meinungen jener Gelehrten folgen soll. Denn am Ende derselben Aussage wird erwähnt, dass nur einige wenige Gelehrte durch die genannten Eigenschaften ausgezeichnet sind.

Die Absicht all dieser Hinweise und der Betonung der genannten Vollkommenheiten und Charaktereigenschaften besteht darin, auf die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber dem Imam hinzuweisen, und vor Eigensinn und dem Streben nach Unabhängigkeit von ihm zu warnen. Deshalb muss der Übermittler seinem eigenen höheren Wesen und den Berichten und Nachrichten treu bleiben, die er gewissenhaft überliefert. Solche Menschen mit unbefleckter Seele dürfen vom Imam bestätigt, eingesetzt und unterstützt werden. Und ihre Darstellungen, die in Wahrheit nichts anderes als die Traditionen des Propheten und die Berichte der Imame wiedergeben – handle es sich nun um eine einzelne oder um eine ganze Gruppe von Überlieferungen – enthalten genau jene Urteile, durch die Gott die Menschen leiten will und die durch den Heiligen Imam bestätigt werden.

Nun sagen manche: Wenn der 12. Imam sich in der Verborgenheit befindet und Gottes Religion nicht dienen kann, dann werden die Anweisungen des Propheten und der Imame von Lügnern, Schwindlern und Betrügern verfälscht, durch Fehler bzw. Unachtsamkeit von jenen verändert, die sie abschreiben, oder durch eine Fülle von Begebenheiten – die möglicherweise sogar richtig sind – nutzlos gemacht, weswegen sie nicht mehr der Wahrheit entsprechen und so sehr verändert sind, dass sie Gott nicht mehr zufriedenstellen. Daher muss man entweder annehmen, dass Gott nicht fähig war, seine Religion dem Volk zu offenbaren, dass der Prophet seine Sendung nicht erfüllt hat, dass die Imame die Religion nicht beschützt haben, dass die Verborgenheit des letzten Imam keinen Sinn oder keinen tieferen Grund hatte oder dass der Imam in der verbleibenden Zeit nichts tun kann – was Gott verhüten möge. Und so vermag das Volk, das Gottes Geboten verpflichtet ist, seine Urteile nicht wirklich zu erkennen, denn mehr ist uns nicht möglich. Wir können nicht mehr als Vermutungen über die Überlieferungstreue der Berichte anstellen – und die Vermutungen der Gelehrten, zusammen mit ihrer überlieferten Weisheit, müssen jeweils dem Gegenstand und dem historischen Moment entsprechend zur Einsicht in Gottes Ratschlüsse und Entscheidungen führen.

Im Gegensatz dazu ist die Schiia davon überzeugt, dass der immer gegenwärtige Imam die Religion Gottes beschützt und dass ihm deswegen die Macht zukommt, zu führen und alle zu beschützen. Als Gott ihn dazu bestimmte, die Religion zu schützen, gab er ihm alle dazu notwendigen Fähigkeiten, einschließlich der Erkenntnis, der Macht und Befehlsgewalt; er ist unfehlbar, deswegen wird er nicht nur niemals Gott seinen Gehorsam verweigern, sondern auch nie eine erlaubte Handlung einer unerlaubten vorziehen. Daher wird er gewiss die Religion schützen und seinem Volk die richtigen Entscheidungen mitteilen, wann immer er es für ratsam hält.

Die Herzen und die Vernunft der Gelehrten befinden sich in seinen Händen – insbesondere die Herzen jener Gelehrten, die sich durch die Eigenschaften auszeichnen, die Hazrat Sadegh (Gottes Segen sei mit ihm) ihnen zuschreibt, deren Herzen wie Spiegel sind – und wenn sie ihr Wesen reinigen und sie zum Imam beten, dass er ihnen antworten möge, und sie jene Welt nicht verlassen, von der die Berichte und Traditionen erzählen, dann wird ihnen die richtige Antwort gewiss zuteilwerden, derer sie und ihr Volk bedürfen. Und so werden sie aus wahrheitsgetreu überlieferten Lehren die richtigen Urteile ableiten und genau darin besteht ihre Bestätigung durch Gott, die durch den verborgenen Imam erfolgt. Der Imam bestätigt den wahren Gelehrten und setzt ihn ein, damit er dem Volk genau das offenbart, was Gott will.

Kurz: die Schaichismus sagen, die Welt werde von einem Meister geleitet, der klug und mächtig ist. Er hat den Schutz seiner Religion nicht den geschichtlichen Zufällen überlassen, sondern dem Heiligen Imam, dem die Autorität über die Schöpfung und die Religion anvertraut ist. Nichts auf dieser Welt bleibt ihm verborgen, und es gibt kein Problem, das er nicht zu lösen oder ins rechte Licht zu setzen vermöchte. Es ist seine Pflicht, die Religion Gottes zu beschützen. Außerdem ist er unfehlbar, so dass er seine Pflicht erfüllt hat und weiterhin erfüllen wird. Unsere Gelehrten sagen zu jenen, die dieser Auffassung keinen Glauben schenken: »Eure Vorstellungen beruhen auf der Annahme, dass der Imam uns nicht bewacht und beschützt. Mitunter behauptet ihr sogar, die Gegenwart des Imam sei reine Gefälligkeit und seine Wachsamkeit über uns eine weitere Gefälligkeit, während doch die Überlieferungen, die sich auf die Tugenden Mohammeds und seiner Familie (Gottes Segen sei mit ihnen) beziehen, besagen, dass der Imam gegenwärtig sein muss und sein Wächteramt unzweifelhaft notwendig und zwingend ist«. Wenn wir wirklich an die Tugenden und den erhabenen Rang der Imame glauben, und uns über ein bloßes Lippenbekenntnis zu diesen Tugenden erheben, wenn wir alles akzeptieren, was mit diesen Tugenden notwendig verbunden ist, und wenn wir dann auf der Basis der Annahme der Existenz solcher Personen den Weltlauf betrachten, dann werden sich viele Probleme, dieses schwierige eingeschlossen, wie von selbst lösen. Und die Gegenwart des Imam, seine Zeugenschaft und sein Wächteramt werden für uns nicht mehr bloße Vermutungen und Annahmen sein, sondern Gewissheit und Erkenntnis.

Selbstverständlich wurden all diese Dinge von den Schaichi-Gelehrten mit vielerlei Argumenten und Methoden bewiesen. Der Kürze halber haben wir hier nur einige wenige erwähnt.

Was nun die Differenzen zwischen den Schaichi-Gelehrten und anderen bezüglich der Gottesweisheit und solcher Lehren wie die Auferstehung, die Himmelfahrt des Propheten und manche Tugenden der Imame und der Gelehrten anbetrifft, die von manchen nur schwer akzeptiert werden können, so muss als erstes gesagt werden, dass solche Auffassungsunterschiede keineswegs neu sind, sondern unter Schiiten und Muslimen immer schon vorkamen und dass sie nicht ausschlaggebend sind, um zwischen Glauben oder Unglauben zu entscheiden. In Wahrheit ist ein Milieu, in dem Denker ihre Ansichten frei aussprechen können, eine elementare Voraussetzung für die Entwicklung und Verbesserung der Gesellschaft und für den Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis.

Indem sie die Verse des Koran und die Überlieferungen durchdachten sowie unterschiedliche innere (mikrokosmische) und äußere (makrokosmische) Beweisgründe für die körperliche Auferstehung oder die Himmelsreise, kamen die Schaichi-Gelehrten zu Erklärungen, die sich wesentlich besser mit der Existenz unterschiedlicher Ebenen und Bereiche der Wirklichkeit vereinbaren lassen als andere. Diese Erklärungen würden viele Probleme lösen, wie z.B. unrichtige Vorstellungen früherer Gelehrter über den dichten und undurchdringlichen Kosmos oder das berühmte Problem der »Zersplitterung« (»khargh, gemeint ist die Notwendigkeit, die Kristallschalen der Himmelssphären zu zerstören, damit der Prophet sich bei seiner Himmelsreise durch sie hindurchbewegen konnte) und der »Wiederherstellung« (»eltiam«, die Wiederherstellung der Himmelsschalen nach dem Wiederabstieg des Propheten). Sie haben auch ihre Ansichten über die Auferstehung erläutert; und obgleich sie weder die physische noch die geistige Auferstehung verworfen haben, führten sie doch einen erweiterten Begriff des Körpers ein, der wiederkehrt, und haben unterschiedliche Gründe dafür angeführt, dass die Auferstehung eine subtilere Form des Körpers voraussetzt, dessen Beschaffenheit sich von den Phantasien und naiven Interpretationen ungebildeter Leute unterscheidet. Wie zu diesen Zeiten üblich, schrieen manche Geistliche »Ketzerei«, sobald sie von einer Idee hörten, die auch nur ein wenig von dem abwich, was sie selbst glaubten. Genauso behandelten sie auch die Ansichten Scheich Ahmad Ahsaiis und von manchen hörte man schrille Einwände, die besagten, die Vorstellung, es gebe so etwas wie einen spirituellen Leib, sei ketzerisch.

Die selbst ernannten Glaubenswächter haben keinen Gedanken daran verschwendet, dass es sich dabei um eines der größten Geheimnisse der göttlichen Weisheit handelt, an dem schon viele Gelehrte gescheitert sind, weil ihnen die Grundlagen für eine Beschäftigung mit diesem Thema fehlten. Leute, deren Sachverstand sich auf die Rechtsprechung, auf exoterische Aspekte der Religion oder die Gesetze des Erlaubten und Verbotenen beschränkt, sind schlicht nicht fähig, über solche komplexen Ideen zu urteilen und sollten sie deshalb auch nicht in Bausch und Bogen verwerfen – oder akzeptieren. Sie haben auch nicht bedacht, dass es bis zu jenem Zeitpunkt, als die Schaichi-Gelehrten auftraten, vierzehn unterschiedliche Theorien über den Vorgang der Auferstehung gegeben hatte und dass es nie einen Konsens über die körperliche Auferstehung gab, so dass man hätte behaupten können, man verstoße mit einer abweichenden Ansicht gegen ein Glaubensdogma.

Kurz, indem sie all dies vergaßen, stießen sie den großen Universalgelehrten von sich, der es auf sich nahm, eine Synthese aus göttlicher Offenbarung und philosophischer Spekulation zu schaffen, der sich natürlich gleichzeitig auf die Traditionen und Lehren über sein heiliger Mohammed und seine Familie (Gottes Segen möge mit ihnen sein) bezog. Höchstwahrscheinlich wussten die wenigsten unter ihnen, was sie eigentlich genau verurteilten oder was der Grund dafür war, dass sie jenen Gelehrten aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausstießen.

Bedauerlicherweise enthält die Geschichte der Wissenschaften viele solche Vorkommnisse. Scheich Ahmad Ahsaii glaubte, physische Elemente kehrten nicht in die andere Welt zurück, weil sie auch nicht aus dieser stammten. Der Mensch trägt eine subtilere Essenz in sich, die seine Seele in die andere Welt begleitet. Dieses Thema wurde erschöpfend im Werk »Ershad-ol-Avam« abgehandelt, ebenso im »Mahdavieh«, die beide von Haaj Mohammad Karim Khan Kermani verfasst wurden (möge Gott ihn erhöhen).

Auch die Himmelsreise des Propheten ist ein Gegenstand der Untersuchung, in dem die Schaichismus mit einigen anderen Gelehrten uneins sind. Schaichismus sind der Auffassung, die Himmelsreise sei körperlich erfolgt, aber nicht im Körper aus physischen Elementen. Die Vorstellung, der Prophet sei wie eine Rakete von der Erde in den sichtbaren Himmel geflogen, ist eine laienhafte Fantasie, denn ein solcher Flug muss in eine bestimmte Richtung erfolgen, während der Aufstieg des Propheten ihn in die Nähe Gottes brachte, der nicht an einem bestimmten Ort im Himmel wohnt, so dass man sich ihm auch nicht nähern kann, indem man irgendeine physikalische Richtung einschlägt. Solche Vorstellungen beschränken Gott und ordnen ihn einem physikalischen Ort zu, was zur Folge hätte, dass er an anderen Orten abwesend wäre, was offensichtlich Gottes Einheit und Einzigkeit widerspricht.

Wir haben dieses Thema nur kurz angeschnitten und wissenschaftliche Begriffe und Erläuterungen vermieden. Wer sich näher mit diesem Gegenstand befassen will, sei auf die Hauptwerke der Schaichismus über göttliche Weisheit verwiesen, wie z.B. »Sharhe Ziarate Jamee Kabire«, »Sharhe Arshieh« und »Sharhe Mashaer« von Scheich Ahmad Ahsaii, sowie »Alfetrat-os-Salime« und »Ershad-ol-Avam« von Haaj Mohammad Karim Khan Kermani, sowie andere Bücher der Gelehrten dieser Schule.

Eine abweichende Auffassung der Schaichismus besteht darin, dass die meisten Schiiten fünf Grundsäulen der Religion aufzählen, während die Schaichismus nur vier aufzählen. Das bedeutet nicht, dass sie irgendeine dieser Grundsäulen leugnen, aber sie sagen, diese Grundsäulen stünden nicht im Koran und stammten auch nicht aus den Traditionen. Vielmehr hänge die Antwort auf diese Frage von den jeweiligen Neigungen der Gelehrten ab, während die Zuordnung der Gerechtigkeit zu den Eigenschaften Gottes heutzutage nicht Notwendigkeit sei. Nebenbei gesagt, ist diese Gerechtigkeit in der ersten Grundsäule von der Einheit und Einzigkeit Gottes enthalten (= Anerkenntnis Gottes). Da es notwendig ist, an seine Weisheit, seine Macht, seine Unsterblichkeit, seine Großzügigkeit und andere Eigenschaften zu glauben, die alle in der höchsten enthalten sind, muss man seine Gerechtigkeit nicht eigens hinzufügen. Ebensowenig ist es notwendig, die »Auferstehung« eigens aufzuzählen, da sie in der zweiten Säule des Glaubens, dem Glauben an den Propheten und seine Offenbarung von Gott (= Anerkenntnis des Propheten) bereits enthalten ist. Wir glauben an seine Rechtleitung und seine Offenbarung, daher ist es nicht nötig, die Auferstehung als gesonderten Glaubensinhalt aufzuzählen.

Aber eine Grundsäule, die über die Rechtgläubigkeit entscheidet – und wir haben Lehren und Traditionen die dies bezeugen – ist die vierte Säule der Religion: die Anerkenntnis der Führer der Schia, der Bruderschaft, das Wohlverhalten gegenüber Brüdern und die Feindschaft gegen die Feinde. All dies gehört zu einem zusammenhängenden Prinzip und dass es sich um ein Prinzip handelt, ist leicht einsehbar und gut begründet. Wenn wir keine Offenbarung von Gott empfangen können, der Prophet nicht unter uns und der Imam verborgen ist, dann müssen wir uns notgedrungen an die Schia-Gelehrten und die Träger der Lehrbefähigung halten.

Unglücklicherweise gibt es unter den Religionsgelehrten nicht nur solche, die der Wahrheit und dem Guten verpflichtet sind, sondern auch andere. Wie könnte also die Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden und sich an den richtigen zu orientieren, nicht zu den Grundsäulen der Religion gehören? Die Erkenntnis und Anerkenntnis jener Gelehrten, die als unsere älteren Brüder bezeichnet werden, ist daher ein Glaubensprinzip. Wir müssen den Wahrhaftigen vom Lügner unterscheiden können, den Wahrhaftigen verehren und lieben und den Lügner meiden. Auch darüber gibt es viele Bücher von Schaichi schule, das Bekannteste unter ihnen ist das bereits genannte »Ershad-ol-Avam«, dessen vierter Band von diesem Thema handelt, das die Schaichismus als »Rokne-Rabe«, als die vierte Säule bezeichnen.

Die Schaichi-Gelehrten sind in weiteren Erkenntnisfragen anderer Ansicht als viele Denker und Philosophen. Sie akzeptieren weder den Pantheismus (die Vorstellung, dass Gott und die materielle Welt von ein und derselben Substanz sind), noch dass alle Geschöpfe, den Propheten und seine Familie eingeschlossen, im Unterschied zu Gott von ein und derselben Substanz sind. Es würde zu weit führen, dies näher zu erörtern. Für viele weitere Fragen wende man sich an das »Sharhe Mashaer« oder das »Sharhe Arshieh«.

Dies möge zur Einführung genügen. Zuletzt seien die wichtigsten Schaichi-Gelehrten wenigstens mit einigen Zeilen beschrieben. Für mehr Informationen wende man sich an das »Sharhe Ahval va Fehrest Kotobe Mashayekhe Ezam« (eine Biografie mit einer Liste der Veröffentlichungen des erhabenen Maschayekh) von Haaj Abolghasem Khan Ebrahimi.

1. Der Gründer der Schaichischule ist Scheich Ahmad-ibn-Zainaddin Ahsaii. Er wurde im Mondjahr 1166 (1753 n. Chr.) in Ahsaa, Saudi-Arabien geboren. Gestorben ist er im Jahr 1241 (1826 n. Chr.) in der Nähe von Medina und begraben in Baghie (dem Zentralfriedhof von Medina), nahe der Grabstätte der Heiligen Imame (Gottes Segen ruhe auf ihnen). Er erhielt von vielen hochrangigen Religionsgelehrten religiöse Befugnisse, z.B. von Agha Seyed Mehdi Bahr-ol-oloom. Vielen Gelehrten wiederum, wie z.B. Sahebe Javaher, erteilte er seinerseits Befugnisse. Er hat – soweit bekannt – über 120 Abhandlungen verfasst, die zusammen mit den Schriften der Maschaiekh im Buch »Fehrest« erwähnt werden.

2. Nach ihm wurde sein bedeutendster Schüler Haaj Seyyed Kazim Raschti (möge Gott ihn erhöhen) der Leiter der Schule der Schaichi. Er wurde im Mondjahr 1212 (1798 n. Chr.) in Rasht (ein Stadt im Nordwesten vom Iran) geboren und war etwa 16, als er Schüler des Schaich wurde. Den Rest seines Lebens stand er in seinem Dienst, auch wenn er auf sein Geheiß Reisen in zahlreiche Städte unternehmen musste. Nach dem Tod des seligen Schaich wirkte er bis zu seinem Tod im Ende des Mondjahrs 1259 (1843 n. Chr.) in Karbala (Irak). Dort wurde er im Schrein des Imam Hossein (Gottes Segen sei mit ihm) etwas unterhalb der Grabstätte der Märtyrer beerdigt. 170 Abhandlungen von ihm sind erhalten geblieben.

3. Der dritte Leiter der Schaichischule war Haaj Mohammad Karim Khan Kermani. Er war ein bedeutender Universalgelehrter, der Schaikh Ahmad Ahsaii große Verehrung entgegenbrachte. Er war der Sohn Ebrahim Khan Zahir-o-Dolehs, des Cousins und Schwiegersohns des Königs Fath Ali Shah und Gouverneur von Kerman. Nach dem Tod seines Vaters ging er nach Karbala, traf Seyyed Kazim Raschti und wurde dessen Schüler. Er übertraf bald alle anderen Studenten und wurde zum engsten Vertrauten seines Meisters, was aus den Briefen hervorgeht, die dieser ihm geschrieben hat. Er erhielt von seinem Lehrer und zahlreichen anderen Gelehrten religiöse Befugnisse(Ijazeh). Er verfasste nahezu 260 Bücher. Geboren wurde er im Mondjahr 1225 (1810 n. Chr.) und starb 1288 (1871 n. Chr.) in Tah-Rood, einem Dorf etwa 70 Kilometer von Kerman, während er sich auf einer Pilgerreise nach Karbala befand. Sein Leichnam kam zuerst nach Kerman gebracht und im Dorf Langar aufbewahrt, später nach Karbala überführt, wo er neben dem seines Meisters (Seyed Kazem Raschti) unterhalb der Grabstätte der Märtyrer beigesetzt wurde.

4. Nach ihm war sein Sohn Haj Mohammad Khan Kermani der Leiter der Schule. Er war ein großer Universalgelehrter und hinterließ viele Schriften. Seine Predigten und Vorlesungen wurden während etwa vierzig Jahren von seinen Schülern aufgezeichnet und bilden zusammen mit seinen 180 Büchern ein umfangreiches Corpus, das zahlreiche Wissensgebiete umfasst, und dem das Werk keines anderen gleichkommt. Geboren wurde er im Mondjahr 1263 (1847 n. Chr.), gestorben ist er 1324 (1906 n. Chr.). Beerdigt ist er in Karbala in der Nähe des Imam, unterhalb der Grabstätte der Märtyrer.

5. Danach übernahm sein Bruder Haaj Zain-ol-Abedin Khan Kermani die Leitung der Schule. Er war ein kenntnisreicher Rechtsgelehrter, ein Philosoph und tiefschürfender Forscher, der 140 Bücher über die verschiedensten Gegenstände des Schiismus verfasst hat, von denen die meisten Erklärungen und Erhellungen von Koranversen oder mündlicher Traditionen enthalten. Geboren wurde er im Mondjahr 1276 (1860 n. Chr.) und gestorben ist er 1360 (1941 n. Chr.). Auch er ist in Karbala im Schrein des Imam Hossein (Oberhaupt der Märtyrer), unterhalb der Grabstätte der Märtyrer beerdigt.

6. Nach ihm übernahm sein Sohn Haaj Abol Ghassem Khan Ebrahimi die Leitung der Schule der Schaichi. Auch er hat zahlreiche Bücher über religiöses Recht und göttliche Weisheit verfasst, insgesamt etwa 35. Er ist unter Kennern für seinen flüssigen Schreibstil bekannt. Geboren wurde er im Mondjahr 1314 (1897 n. Chr.), gestorben ist er 1389 (1969 n. Chr.). Begraben wurder er im Schrein des unfehlbaren Imam Reza in einem Raum, der Dar-ol-Ezzah heißt.

7. Auf ihn folgte Haaj Abdorreza Khan Ebrahimi, der im Mondjahr 1340 (1922 n. Chr.) in Kerman geboren und durch einen Mordanschlag von Terroristen im Jahr 1400 (1980 n. Chr.) zum Märtyrer wurde. Er hat etwa 86 Bücher über Rechtswissenschaft, philosophische Grundfragen, Weisheit und andere Themen verfasst. Besonders zeichnete er sich durch seine Bewunderung der Tugenden des Propheten und seiner Familie aus (Gottes Segen sei mit ihnen). Er sorgte für die Drucklegung vieler Bücher über Überlieferung und die Traditionen, sowie der Publikation der Schriften des Maschaiekh.

8. Auf ihn folgte sein herausragendster Schüler, seine Eminenz, der große Jurist und Gelehrte Haaj Seyed Ali Moosavi aus Basra, Irak. Geboren wurde er im Mondjahr 1346 (1926 n. Chr.). Sein verehrter Vater, Haj Seyed Abdollah Moosavi, gehörte ebenfalls zu den großen Gelehrten und Rechtskundigen im Irak. Er hat eine Vielzahl von Büchern verfasst und eine ganze Reihe von Büchern des Maschaiekh ins Arabische übersetzt, die inzwischen auch gedruckt wurden.

Eine angemessene Schätzung dieser Gelehrten lässt sich nur durch die Lektüre ihrer Schriften gewinnen, die zusammen 1.200 Werke von größerem oder geringerem Umfang ausmachen, und eine Vielzahl islamischer Wissenschaften betreffen.

Man sollte wissen, dass nicht alle, die sich heutzutage als Schaichismus oder Schüler Schaikh Ahmad Ahsaiis bezeichnen (möge Gottes Segen mit ihm sein), auch wirklich seinen Lehren folgen und dass im Lauf der Zeit vielerlei Vorlieben zutage getreten sind. Eine Gruppe folgt beispielsweise Scheich Ahmad Ahsaii und Seyyed Kazim Raschti. Andere fügen Haaj Mohammad Karim Khan zu diesen beiden hinzu. Möglicherweise pflegt jede einzelne Gruppe unterschiedliche Ansichten. Wir erwähnen diese acht großen Gelehrten nicht deswegen, weil wir mit ihnen verwandt wären, sondern weil sie unserer Ansicht nach und nach der Auffassung unserer Freunde und Mitforscher unabhängig von jedem Vorurteil zu den besten Gewährsmännern der Wissenschaft, Weisheit und praktischen Klugheit gehören, die Scheich Ahmad Ahsaii besessen hat (Gott möge ihn erhöhen). Ich sage nicht, dass sie mit ihm auf einer Stufe standen, vielmehr haben manche sie sicher nicht erreicht, aber über ihn berichtet. Wir erwähnen sie deswegen, weil es unter ihren Zeitgenossen bei den Gelehrten der Schaichi-Schule keinen gibt, der sie an Weisheit, Tiefblick und religiöser Unterweisung überragt hätte.

»Dies habe ich herausgelesen und sein Bestes ist darin enthalten;

jeder, der ausliest, isst das Beste selbst«.   Arabisches Gedicht

Zum Schluss sei noch einmal betont, dass die Schaichismus sich nicht von der Zwölferschiia abgesondert haben, sondern eine Gruppe von Gelehrten darstellen, die besondere Ansichten über die religiösen Wissenschaften und die göttliche Weisheit entwickelten und – ebenso wie andere Schiia-Gelehrten – ihre Auffassungen nicht für sich behielten, sondern durch sie eine der Hauptdenkschulen des Schiismus schufen. Hier fügt sich ein, was der große Rechtsgelehrte und Interpret, der verstorbene Ayatollah Allameh Tabatabaii (möge Gott ihn ins Paradies geleiten) über die Schaichismus in seinem Buch »Die Schia im Islam« gesagt hat, um zu zeigen, dass diese Gelehrten, die Kenner der Philosophie, der göttlichen Weisheit und der Rechtswissenschaft waren, diese Schule des Denkens nicht exkommunizieren oder voreilig verurteilen, sondern sie als Teil der Schia betrachten und nicht als eine abgesonderte Gruppe. Am Ende eines Kapitels über die Zweige des Schiismus führt er aus:

 »Die beiden Clans der Schaichi und Karim Khani, die in den beiden letzten Jahrhunderten in Erscheinung getreten sind, haben letztendlich nur in theorethischen Themen unterschiedliche Ansichten vertreten. Da sie keines der grundlegenden Prinzipien bestätigen oder verneinen, begründen ihre Differenzen keinen Abfall von der Orthodoxie«.

Themen, die der Ayatollah erwähnt, sind das Verständnis der Auferstehung, die Himmelsreise des Propheten (Gottes Segen sei mit ihm), sowie gewisse Auffassungen in der Rechtslehre, der Philosophie und der göttlichen Weisheit. Und mit der Formel »da sie weder bestätigen, noch verneinen« ist gemeint, dass sich die Schaichismus hinsichtlich ihrer Bejahung oder Verneinung der Grundsätze des Glaubens nicht von den anderen Schiiten unterscheiden, und dass sie keine sektiererische Gemeinschaft bilden. Das einzige Thema des Ayatollah ist ihre Interpretation gewisser theoretischer Fragen, durch die sie eine Denkschule innerhalb des Schiismus begründet haben. Offensichtlich gibt es Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Welt der Religionsgelehrten, ohne dass diese mit Ketzerei, Orthodoxie, Abfall von der Religion oder besonderer Rechtgläubigkeit verbunden würden.

Wenn Allameh Tabatabaii die »Karim Khani« als Clan bezeichnet, dann bezieht sich dieser Ausdruck laut Kennern des Aserbaidschanischen auf jene Schaichi, die Haaj Seyed Kazem Rashti und Haaj Mohammad Karim Khan Kermani folgten. Diese Gruppe, die die zahlenmäßig größte unter den Schaichismus darstellt, die in zahlreichen Gegenden und Ländern zerstreut lebt, wird als Schaichi im eigentlichen Sinn bezeichnet.

Dies mag als kurze Einführung über die Shaichismus in dieser Sammlung ihrer Bücher genügen, die unter dem Namen »Ketab-ol-Abrar« (»das große Buch«) erscheint. Gottes Segen und Heil sei mit Mohammed und seiner Familie, den unbefleckten und reinen.

Zainolabdein Ebrahimi

Der Text wurde im September 2015 von Seyed Hossein Riazimand übersetzt .



[1] Wenn im Folgenden von »Berichten« und »Traditionen« des Propheten und der Imame die Rede ist, sind in der Regel die sog. hadithe gemeint.

[2] Der Heilige Prophet und die Imame werden durch Gott vor jedem Irrtum geschützt. Sie müssen unfehlbar sein, da sonst durch ihre Aussagen keine Gewissheit erlangt werden könnte.